Vitalstoff-Blog

Gluten – ein Irrtum?

Posted in Ernährung, Wissenschaft by Uwe Alschner on 20. Februar 2017


In der folgenden Geschichte geht es um Wahrheit. Genauer gesagt um Wissenschaft und Journalismus, die sich beide darum bemühen, die Dinge so darzustellen und zu erklären, wie sie sind. Manchmal gelingt das. Manchmal geht es schief. »Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen.« Mir kam die Weisheit in den Sinn, als ich die neueste Ausgabe des Wirtschaftsmagazins brandeins und die dort abgedruckte Geschichte über Gluten las. Unter der Überschrift Lukrativer Irrglaube berichtet das Heft über eine vermeintlich „maßlos übertriebene“ Angst vor Gluten. Wie es sich für guten Journalismus gehört, hat die Geschichte nicht nur einen Aufhänger (die erste glutenfreie Konditorei in Düsseldorf), sondern auch eine Quelle, auf der die Grundaussage des Beitrags fußt. Welche Quelle könnte besser geeignet sein, um Angst vor Gluten zu bewerten, als eine wissenschaftliche Koryphäe. Was brandeins übersehen hat: der Wissenschaftler, den sie zitieren, sitzt im Glashaus. Und mit ihm die ganze schöne Geschichte!

Vier Seiten lang entwickelt der Autor eine flott geschriebene Story rund um das Thema Gluten. Bereits die Überschrift lässt erkennen, wohin die Reise geht, aber auf Seite 112 wird’s richtig spannend. Der Wissenschaftler kommt zu Wort. Um im Bild zu bleiben: Er greift zum Stein. Und er wirft. Sein Ziel sind Mediziner, die in Büchern vor den Gefahren und Risiken warnen, die von Gluten und von Getreide ausgehen, in denen das vorkommt. Ein Stein kann eine Waffe sein, aber manchmal gilt: auch Worte sind geladene Pistolen (Jean Paul Sartre). Glücklicherweise geschieht kein Tötungsdelikt, in dem ein Opfer sein Leben lässt. Aber es ist doch ein Rufmord. Das Motiv des Täters: ihm geht esdarum, die eigene Meinung (zum Thema Gluten) mittels einer Abqualifizierung anderer Meinungen (Warnungen vor gesundheitlichen Folgen von Glutenverzehr) in ihrer Wertigkeit zu erhöhen. 

»Das sind keine wirklichen Wissenschaftler, sondern geschäftstüchtige Autoren, die mit ihren platten Aussagen den Zeitgeist treffen.« – Prof. Hans Hauner, TU München, Quelle: brandeins 02/07, S. 112

Professor Hans Hauner, seines Zeichens Lehrstuhlinhaber für Ernährungswissenschaften der TU München, besteigt damit das hohe Roß der wissenschaftlichen Ritterlichkeit. Hauner will wohl so verstanden werden: „Was ich sage, ist die Wahrheit.“ Als „schönes Narrativ und pure Ideologie“ bezeichnet er herablassend die Warnungen vor Gluten. Wissenschaftlich unbegründet, soll der Leser als Ergebnis offensichtlich festhalten. Ein Professor muss es doch wohl wissen.  

Lesern dieser Seiten ist Professor Hauner kein Unbekannter. Und er hätte es besser wissen müssen, wenn ihm sein Ruf als seriöser Wissenschaftler etwas wert ist. Zum einen hätte Hauner, wie jeder andere Wissenschaftler auch, der sich mit dem Thema ernsthaft beschäftigt, wissen können, dass bereits 2006 vom heutigen Harvard-Professor Alessio Fasano gezeigt wurde, dass kein Mensch Gluten vollständig verdaut, und dass das zur Gluten-Familie zählende Protein Gliadin auch bei jenen Menschen gesundheitliche Schäden in Form von Entzündungen und erhöhter Durchlässigkeit der Darmschleimhaut hervorruft, die nicht an Zölliakie leiden. 

Ist es nicht also ein Gebot wissenschaftlicher Vernunft und Vorsicht, die bewiesenen Zusammenhänge zwischen Glutenverzehr und verringerter Schutzfunktion der Darmschleimhaut (hervorgerufen durch eine pathogene Vergrößerung der „Tight Junctions / TJ“ genannten engen Verbindungen zwischen den Zellen der Darmschleimhaut) ernst zu nehmen? Zahlreiche Autoimmunreaktionen und manifeste Krankheitsbilder werden inzwischen mit einer krankhaft durchlässigen Darmschleimhaut (Leaky Gut) in Verbindung gebracht. 

Gerade Wissenschaftler wie Professor Hauner sollten aber in der Lage sein zu verstehen, dass die Problematik von Gluten zwei Dimensionen hat: einerseits ist es wie gezeigt an der Entstehung von Leaky Gut beteiligt (indem Gliadin die Ausschüttung von Zonulin anregt, wodurch die Tight Junctions vergrößert bleiben). Andererseits ist Gluten ein Problem, weil Gluten viele Gestalten haben kann: Gluten ist genau genommen ein Oberbegriff für eine ganze Familie von Proteinen, die sich – wie der Name andeutet (Gluten=Leim) – durch ihre Klebewirkung auszeichnen. 

Diese Proteine sind, so die auf zahlreiche Beobachtungen gestützte Hypothese, sobald sie durch die poröse Darmschleimhaut in die Blutbahn des Körpers gelangen, ein Feindkörper, gegen den das Immunsystem vorgeht. Und es bildet Antikörper für zukünftige Angriffe. Problematisch wird es, weil Glutene in ihrer Oberflächenstruktur körpereigenen Proteinen ähneln. Die stimulierte Immunabwehr geht nun mit den Gluten-Antikörpern gegen diese ähnlichen Proteine vor. Leider sind sie jedoch keine Feinde, sondern Teile des eigenen Körpers. Der Organismus führt gegen sich selbst einen Abwehrkampf. Das Drama nimmt seinen Verlauf, der je nach Beschaffenheit des Fremd-Proteins unterschiedliche Gewebe im Körper angreift: Die Schilddrüse, das Rückenmark, die Bauchspeicheldrüse, das Gehirn, oder die Gelenke. Die Krankheitsbilder sind allesamt Folgen der Auto-Immunreaktion. 

Diese Hypothese zur Entstehung von Autoimmunerkrankungen gewinnt immer mehr an Bedeutung in der wissenschaftlichen Diskussion. Es handelt sich um Work in Progress, gewissermaßen. Fasano ist einer der Hauptprotagonisten dieser Theorie, die nicht den Anspruch erhebt, ein vollständiges und schlüssiges Bild der Erklärung liefern zu können. Dafür ist es noch zu früh. Doch diese Schule, der auch die im brandeins-Beitrag zitierten Mediziner angehören, die Hauner abqualifiziert hat, ist in der Lage, das bisherige Erklärungsmuster, welches nicht unerheblich auf genetisch bedingte Unabänderlichkeit abzielte („Sie haben … und sie werden lernen müssen, mit der Krankheit zu leben„), zu ergänzen. 

»Wissenschaft wird immer eine Suche sein, niemals wirklich eine Entdeckung. Es ist eine Reise, niemals wirklich eine Ankunft.« – Karl Popper

Denn dieses Schule der Functional Medicine kann auf einige Erfolge verweisen, die nach klassischer Meinung nicht erklärbar wären. Zum einen ist die Functional Medicine, also die Heilkunst, die sich auf den ganzen Körper als funktionierendes System bezieht und Diagnosen nicht nur auf Organe bezieht, an denen Symptome sichtbar werden, in der Lage ein zunehmend breiter werdendes Spektrum an Beschwerden und Krankheitsbildern von Allergie und Unverträgichkeiten über Erschöpfungssyndrome und nicht-pathologische Vorstufen von Krankheiten zu erklären und zu behandeln. Zum anderen schafft es die funktionelle Medizin, selbst schwere Krankheitsbilder in Remission zu bringen, indem sie geduldig die Ursachen aufspürt und eleminiert. Gelenkerkrankungen oder Depressionen können somit durch eine Heilung des Darms, Entgiftung und Verzicht auf problematische Lebensmittel wie etwa Gluten-Getreide (aber auch Milchprodukte, Hülsenfrüchte oder Nachtschattengewächse können entsprechende Symptome hervorrufen und Krankheiten in ähnlicher Weise wie Glutene begünstigen) zum Stillstand und zur Remission gebracht werden, ohne dass die Patienten dauerhaft auf starke Medikamente mit teilweise schweren Nebenwirkungen angewiesen bleiben. Zahlreiche Beispiele beschreibt die Ärztin Dr. Amy Myers in ihrem Buch „Die Auto-Immunlösung„. 

Myers wurde als Medizinstudentin selbst AI-Patientin und verlor durch konventionelle Therapie von Morbus Basedow ihre Schilddrüse. Ihr Buch ist viel mehr als eine Warnung vor Gluten, von dem sie grundsätzlich abrät, gerade weil es auch für Gesunde schwer verdaulich ist und entzündlich wirkt. Es ist eine Erklärung für die unbestreitbare Tatsache, dass viele Menschen ihre Beschwerden verlieren, wenn sie auf Gluten verzichten. Und es ist eine Hilfe für viele, viele Patienten, denen ein Leben mit Nebenwirkungen von Medikamenten erspart bleiben kann. Glutenverzicht ist nur einer der Faktoren, aber es ist ein entscheidender.

In dem sich Professor Hauner für den brandeins so scharf über Kollegen äußerte, denen er Geschäftemacherei vorwarf, handelte er nicht nur höchst unwissenschaftlich, wenn man die anti-dogmatische Definition des Wissenschaftsbegriffes von Albert Einstein zugrunde legt. Er setzte er sich zudem mitten in das Glashaus.

»Wir glauben, dass die Wissenschaft der Menschheit am besten dient, wenn sie sich von allen Beeinflussungen durch irgendwelche Dogmen freihält und sich das Recht vorbehält, alle Thesen einschließlich ihrer eigenen anzuzweifeln.« – Albert Einstein

Wie wissenschaftlich ist es, die Tatsache der Veränderung von Getreide und auch von Gluten lapidar zu leugnen, mit dem Hinweis, dass „der Glutengehalt in Weizen (…) seit mehreren Jahrzehnten (…) stabil“ geblieben sei. Unabhängig vom Wahrheitsgehalt der Aussage hinsichtlich der Quantität (Gehalt) der Kleister-Proteine im Getreide ist die Tatsache der qualitativen Veränderung von Getreide und vor allem von Weizen unbestreitbar. Und sie dürfte damit ein relevanter Faktor der wissenschaftlichen Gleichung über die Ursache der Zunahme von Krankheiten und Befindlichkeitsstörungen sein. Der Hinweis auf Einbildung bei Betroffenen („Massenhysterie„) ist angesichts der jahrzehntelangen Hybridisierung von Getreide (Stichwort Desaminierung) mit immer neuen Protein-Molekülen (die theoretisch immer wahrscheinlicher werden lassen, dass Mimikri-Effekte zunehmen, also jene Verwechslungen mit körpereigenen Geweben bei Antikörperbildung nach Durchdringen der Darmschleimhaut) nicht wissenschaftlich, sondern zynisch. 

Besonders pikant ist der Vorwurf Hauners, es gehe den Autoren, die in Büchern vor Weizen und Gluten warnen, um Geschäftemacherei, also eigene finanzielle Vorteile. Er selbst wählt in dem Beitrag für sich eine Bezeichnung, die den Vorwurf der Unseriosität gegen die „geschäftstüchtigen Autoren“ geradezu ins Gegenteil verkehrt: „Ich bin kein großer Freund der Lebensmittelindustrie, aber die wäre bescheuert, wenn sie uns wirklich krank machen würde. (…) Die von der Industrie hergestellten Lebensmittel waren noch nie so sicher wie heute.“ 

Professor Hans Hauner ist u.a. Mitglied des Advisory Boards von Weightwatchers International und hat sich Studien von Weightwatchers finanzieren lassen. Das Unternehmen sieht sich einem starken Negativtrend ausgesetzt. 55 Prozent von Weightwatchers gehören dem Finanzinvestor Invus aus New York, der an mehreren Lebensmittelkonzernen beteiligt war und von einem CEO mit Abschluss in Food Science geführt wird. Auch Weightwatchers vertreibt eigene Produkte, darunter zahlreiche glutenhaltige. 

Wenn Professor Hauner kein großer Freund der Lebensmittelindustrie ist: was ist er dann? Das hätte ich gerne brandeins gefragt. 

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