Vitalstoff-Blog

Lektine und der Mensch

Posted in Darmgesundheit, Gemüse, Omega 3, Vitalstoffe, Vitamin D, Zufuhrempfehlung by Uwe Alschner on 28. Dezember 2017
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Dr. Steven Gundry im Interview über sein Buch “The Plant Paradox”. Es erscheint im März unter dem deutschen Titel “Böses Gemüse”

Es ist paradox, im wahrsten Sinne des Wortes: Gemüse enthält viele Vitamine und Mineralien – und kann doch ungesund sein. Ebenso Vollkorn: eine hohe Nährstoffdichte und trotzdem können ernsthafte Erkrankungen die Folge von Verzehr von Getreide des vollen Korns sein. Wie kann das sein? Es macht doch keinen Sinn, oder doch?

In einem exklusiven Interview mit dem Vitalstoffblog erläutert der Arzt und ehemalige Universitätsprofessor für Kardiologie, Dr. Steven Gundry, die Logik hinter seinem Buch “The Plant Paradox”, welches am 5. März unter dem leicht provokanten Titel “Böses Gemüse” beim Beltz Verlag in deutscher Sprache erscheinen soll.

Gundry ist durch einen Patienten auf die Spur gebracht worden, dass Lektine ernsthaft krank machen können und dass Lektinvermeidung die jeweilige Erkrankung (im Fall des Patienten “Big Ed” war es eine lebensbedrohende Koronare Herzerkrankung) wieder rückgängig machen kann. Natürlich spielen auch Vitalstoffe in diesem Zusammenhang eine Rolle, bekennt Gundry im Interview.

Was paradox klingt, entpuppt sich bei genauer Betrachtung als ziemlich logische Konsequenz evolutionären Drucks: Pflanzen wollen nicht gefressen werden, und erst recht wollen sie nicht, dass ihre Samen gefressen werden. Weil sie sich nicht verstecken und auch nicht fliehen oder physisch angreifen können, haben sich Pflanzen chemische Abwehrmechanismen zugelegt, die ihren Fraßfeinden den Spaß am gesunden Essen vergällen sollen: Lektine.

Hierunter sind eine Reihe unterschiedlichster Proteine zusammengefasst, die eines verbindet: sie heften sich an Zuckermoleküle, weshalb man sie auch Klebeeiweiße nennt. Glutene sind eine Untergruppe von Lektinen, und auch sie werden in der Ernährungsindustrie just wegen ihrer praktischen Bindungsfähigkeit geschätzt: sie verleihen vielen Speisen Konsistenz und Struktur. Dass sie dummerweise auch krank machen, ist im Fall von Gluten inzwischen bewiesen, bei Lektinen ist das Bewusstsein noch schlechter ausgeprägt.

Denklogisch fällt uns noch schwer, die Botschaft von Gundry (und zahlreichen Mitstreitern) zu verstehen und zu akzeptieren: wir haben doch bereits hunderttausende von Jahren der Evolution überstanden, in denen wir Pflanzen gegessen haben, ohne zu versterben. Warum sollen Lektine plötzlich toxisch sein?

Die gute Nachricht: sie sind nicht plötzlich toxisch, und schon gar nicht alle Lektine gleichermaßen. Je länger unser Stoffwechsel (in Symbiose mit unseren Darmbakterien) sich auf Pflanzenlektine einstellen konnte, desto problemloser sind sie für uns.

Die schlechte Nachricht: es gibt Lektine in Getreide und Hülsenfrüchten, die wir erst seit wenigen tausend Jahren zu uns nehmen, und die wir nur schlecht verdauen. Bei Nachtschattengewächsen und Prseudonüssen wie Cashew oder Erdnuss (beides sind Hülsenfrüchte mit extrem hoher Lektinfracht) ist diese Gewöhnungszeit mit wenigen hundert Jahren seit der Entdeckung Amerikas nicht viel mehr als ein evolutionärer Wimpernschlag.

Gundry beschreibt im Interview, wie diese Lektine sehr wohl toxische Wirkung besitzen: etwa wenn sie sich an Sialinsäure binden und damit die Kommunikation zwischen Nervenzellen unterbinden. Dieser Mechanismus wurde von Pflanzen gegen ihre Fraßfeinde entwickelt – und die ersten Fraßfeinde waren Insekten, die auf diese Weise sehr schnell getötet oder gelähmt wurden, da ein kleines Insekt mit relativ wenig Lektinmolekülen außer Gefecht gesetzt werden kann. “Menschen sind einfach etwas groß geratene Insekten”, erläutert Steven Gundry im Interview. Entsprechend dauert es länger, bis sich die Wirkung zeige.

Dass die Wirkung existiert, belegt Gundry in der Beweisumkehr: eliminiert man systematisch alle Lektine aus der Nahrung von Patienten, normalisieren sich die pathologischen Marken von Erkrankungen wie Lupus, rheumatischer Artritis oder der Weißfleckenkrankheit Vitiligo. Allen Erkrankungen ist gemein, dass sich das Immunsystem des Kranken gegen sich selbst, bzw. gegen bestimmte Proteingewebe des Patienten richten. Fachleute sprechen vom Pänomen der molekularen Mimikry.

Dass es so weit überhaupt kommt, ist nach Gundry und anderen Mediziner wie Amy Myers (“Die Autoimmunlösung”) nur möglich, weil Lektine nach und nach zuerst die schüztende Schleimschicht vor der Darmwand aufzehren (der Schleim besteht aus Vielfachzuckermolekülen, Polysaccharide, welche die Lektine binden, aber irgendwann kapitulieren, wenn kein Nachschub mehr kommt, obwohl Lektine stetig angreifen), bevor sie an den ebenfalls mit Zuckermolekülen besetzten Tight Junctions der Darmwand selbst andocken und die eigentlich “undurchdringliche Verbindung” knacken. Dies geschieht mittels der Freisetzung einer Sesam-öffne-dich-Substanz namens Zonulin.

Sind die Tight Junctions einmal offen, gelangen Lektine und Lipopolysaccharide (LPS) genannte abgestorbene Reste bakterieller Zellwände in den Kreislauf des Immunsystems. Die Körperabwehr ist alarmiert angesichts der immer zahlreicher auftretenden körperfremden Proteine. Die Antikörper gegen die Eindringlinge richten sich im Status wachsender Überforderung des Immunsystems schliesslich gegen körpereigene Gewebe, die sie infolge der molkekukaren Mimikry schlicht als Feind ansehen und angreifen.

Während solche Falle von Autoimmunerkrankungen früher medizinisch sehr selten auftraten, ist durch ein Zusammenspiel von ungünstigen Faktoren (Lektine werden in ihrer Wirkung von Umweltgiften wie Glyphosat verstärkt, während die Zunahme von Anibiotika – direkt oder durch Verzehr antibiotisch behandeltem Schlachtviehs – das menschlich Mikrobiom viel schneller und viel stärker schwächt. Dritter Faktor ist laut Gundry ein exzessiver Gebrauch nichtsteroider Schmerzmittel, die bereits im Dünndarm zu einer Durchlässigkeit – Leaky Gut – führt) heute eine “Epidemie an Autoimmunerkrankungen” (Gundry, Minute 40:41) zu verzeichnen.

Ein Ausweg aus dieser fatalen Spirale ist nach Gundy nur möglich, wenn einerseits die Darmgesundheit durch Abheilung der Tight Junctions und Pflege einer gesunden Darmflora wiederhergestellt werden kann. Dazu ist ein zumindest vorübergehend ein völliger Verzicht auf Lektine notwendig, bevor vorsichtig die Tolerierung von einzelnen Nahrungsmitteln Schritt für Schritt getestet und mittels Blutanalyse auf relevante Marker überwacht werden muss.

Was die Zufuhr von Vitalstoffen angeht, hat sich Steven Gundry übrigens vom Saulus zum Paulus gewandelt: hatte er ursprünglich seinen Patienten Big Ed noch auslachen wollen (“Sie haben nichts als teuren Urin erzeugt. So dachte ich wirklich”, 03:45), empfiehlt Gundry heute präventiv (!) mindestens 5.000 i.E. Vitamin D (“ich halte meinen Spiegel seit zehn Jahren auf über 120 ng/ml”) sowie reichlich Omega 3 Fettsäuren, um die Darmschleimhaut intakt zu halten. “Omega 3 Fettsäuren und Vitamin D sind zwei der besten Maßnahmen, um unsere Darmschleimhaut gesund zu erhalten” (45:28).

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Eine Antwort

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  1. […] hat sich das Vitalstoff-blog erfolgreich um ein persönliches Interview mit dem Autor bemüht. Dieses Interview haben wir mit Untertiteln versehen und auf YouTube veröffentlicht. Zur besseren Recherche des […]


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